Profiltiefe: So gefährlich sind abgefahrene Reifen

• Lesezeit: 6 Min.

Von Jochen Wieler

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Reifenprofil
ADAC Test: Welchen Einfluss hat die Höhe des Profils auf die Reifeneigenschaften?© ADAC/Marc Wittkowski

Normalerweise testet der ADAC neue Reifen. Doch wie gut sind Reifen noch, wenn sie schon teilweise abgefahren sind? Die Testingenieure haben es an aktuellen Winterreifen getestet – und haben eine klare Botschaft an Autofahrerinnen und Autofahrer.

  • Profiltiefe beeinflusst die Fahrsicherheit

  • Gefahr von Aquaplaning steigt mit abnehmendem Profil

  • ADAC rät: Tausch schon vor der gesetzlichen Mindestprofiltiefe

Drei verschiedene Profiltiefen im Test

Drei Winterreifen mit unterschiedlich abgefahrenen Profilen nebeneinander
Gut zu erkennen: Beim Neureifen (links) sind die feinen Lamellen noch sichtbar, bei 4 Millimeter (Mitte) schon weniger, und bei 2 Millimeter (rechts) sind sie kaum noch zu sehen© ADAC/Marc Wittkowski

Seit über 50 Jahren werden beim ADAC Reifentest Sommer-, Winter- und Ganzjahresreifen getestet. Und seit über 50 Jahren können sich die Mitglieder, der Reifenhandel und die Hersteller auf die aufwendig ermittelten Ergebnisse der Testingenieure verlassen. Und doch ist jeder Test nur eine Momentaufnahme: Alle geprüften Modelle sind zum Testzeitpunkt Neureifen.

Deshalb bleibt die Frage offen: Wie ändern sich deren Eigenschaften im Lauf der Zeit nach vielen gefahrenen Kilometern? Das hat der ADAC aktuell getestet und die Eigenschaften von fünf Winterreifen untersucht. Getestet wurde mit folgenden Winterreifenmodellen in der Dimension 185/65 R15 im Neuzustand (ca. 8 Millimeter) sowie mit 4 und 2 Millimetern Restprofil:

  • Bridgestone Blizzak LM 005

  • Kumho WinterCraft WP52+

  • Linglong Sport Master Winter

  • Michelin Alpin 7

  • Vredestein Wintrac

Dabei ging es nicht in erster Linie darum, den Verschleiß bei einer bestimmten Marke zu bewerten, sondern vielmehr darum, grundsätzliche Tendenzen zu erkennen, ob und wie sich zunehmende Abnutzung auf die Fahrsicherheit auswirkt.

Schnee ist nicht das größte Problem

Das Ergebnis fällt durch die Bank eindeutig aus: Wichtige Sicherheitsreserven gehen bereits lange vor der gesetzlichen Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimetern verloren.

Es ist zwar so, dass die getesteten Winterreifen auch auf schneebedeckter Fahrbahn nachlassen. Die Untersuchung zeigt aber: Die stärksten Sicherheitseinbußen treten auf nasser Fahrbahn auf, insbesondere beim Aquaplaning kann es kritisch werden.

Und: Während sich einzelne Werte wie die Seitenführung oder der Bremsweg oft nur moderat verschlechtern, nehmen die Sicherheitsreserven in komplexen Fahrsituationen deutlicher ab.

Besonders kritisch sind Situationen, in denen der Reifen gleichzeitig mehrere Kräfte übertragen muss. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn in einer Kurve oder während eines Ausweichmanövers zusätzlich gebremst oder beschleunigt wird. Gerade dann sind ausreichende Sicherheitsreserven besonders wichtig.

Was passiert bei 4 Millimetern Restprofil?

Bei 4 Millimetern Profiltiefe könnte man meinen, dass noch alles in Ordnung ist. So schlecht sehen die Rillen schließlich noch nicht aus, oder? Tatsächlich aber sind bei 4 Millimetern Restprofil bereits relevante Leistungseinbußen messbar. Besonders deutlich zeigen sie sich beim Aquaplaning und beim Handling:

  • Aquaplaning: Bereits bei 4 Millimetern Restprofil verlieren die getesteten Reifen im Durchschnitt rund 12 Prozent ihrer Aquaplaning-Reserven in Längsrichtung. Das Fahrzeug schwimmt bei stehender Nässe früher auf und verliert eher den Kontakt zur Fahrbahn. Noch deutlicher fällt der Effekt in Kurven aus. Beim Queraquaplaning beträgt der durchschnittliche Verlust bereits knapp 25 Prozent. Es geht also ein Viertel der ursprünglichen Sicherheitsreserve verloren.

  • Nasshandling: Die Fahrdynamik auf nasser Fahrbahn lässt ebenfalls deutlich nach. Die teilabgefahrenen Reifen werden von den ADAC Experten deshalb mit einer ganzen Notenstufe schlechter bewertet: 3,4 statt 2,4 lautet das ernüchternde Ergebnis. Der Fahrer spürt dies durch geringere Sicherheitsreserven in Ausweichmanövern und in Kurven.

  • Schnee: Auch auf Schnee zeigen sich Verluste. Die Traktion nimmt um 8,8 Prozent im Vergleich zum ursprünglichen Gripniveau ab, die Bremsleistung auf Schnee verschlechtert sich um 12,4 Prozent. Beim Handling auf Schnee zeigen sich deutlich schlechtere Testresultate als bei Neureifen.

Was passiert bei 2 Millimetern Restprofil?

Detailansicht eines Vorderreifens während der Fahrt auf Schnee
Weniger Profil bedeutet auch weniger Grip auf Schnee© ADAC/Marc Wittkowski

Beim Test mit 2 Millimetern Profiltiefe zeigt sich: Die Sicherheitsreserven der Reifen nehmen weiter ab, bei einigen Kriterien sogar überproportional. Besonders beim Queraquaplaning und beim Nasshandling kosten die letzten 2 Millimeter Restprofil mehr Sicherheit als die gesamte Abnutzung vom Neuzustand bis auf 4 Millimeter. So verändern sich die Eigenschaften im Detail:

  • Aquaplaning: Wasser auf der Straße wird zu einem massiven Risiko. Beim Aquaplaning längs steigt der durchschnittliche Performance-Verlust auf rund 22 Prozent. Noch drastischer fällt das Ergebnis beim Queraquaplaning aus: Hier gehen im Mittel mehr als 50 Prozent der ursprünglichen Sicherheitsreserven verloren. Gerade in Kurven und bei Starkregen steigt die Gefahr eines Kontrollverlusts damit erheblich.

  • Nassbremsen/Nasshandling: Beim Bremsen auf nasser Fahrbahn verlängert sich der durchschnittliche Bremsweg von 31,9 auf 37,3 Meter. Das entspricht einer Zunahme von rund 17 Prozent bzw. etwas über 5,3 Meter. Im Fall der Fälle können das die entscheidenden Meter sein. Auf dem Nasshandlingkurs verschlechtert sich die durchschnittliche Note auf 4,7 und liegt damit im Bereich "mangelhaft".

  • Schnee: Auch auf Schnee nimmt die Leistung weiter ab. Die Reifen verlieren im Vergleich zu ihren neuen Modellen im Schnitt um 15,9 Prozent an Traktion, drehen also früher durch. Der Bremsweg (gemessen bei 30 km/h) verlängert sich auf schneebedeckter Fahrbahn außerdem um 20,5 Prozent. Und beim Handling auf Schnee würde die ADAC Bewertungsskala (bis Note 5,5) gar nicht mehr ausreichen: Die Durchschnittsnote läge hier bei 7,2!

Veränderungen im Vergleich zu Neureifen im Überblick

Testdisziplin4 mm Restprofil2 mm Restprofil

Aquaplaning längs

−12 %

−22 %

Aquaplaning quer

−25 %

−52 %

Nassbremsen

kaum verändert

+5,3 m Bremsweg (+17 %)

Nasshandling

Note 3,4 statt 2,4

Note 4,7 statt 2,4

Seitenführung nass

geringe Verluste

ca. −4 %

Schneetraktion

−8,8 %

−15,9 %

Schneebremsen

−12,4 %

−20,5 %

Schneehandling

deutlich schlechter

stark verschlechtert

Dass sich die Eigenschaften besonders bei Aquaplaning verschlechtern, lässt sich leicht erklären: Mit abnehmender Profiltiefe kann der Reifen immer weniger Wasser im Profil aufnehmen und verdrängen. Der Reifen schwimmt auf und kann keine Kräfte mehr auf die Fahrbahn übertragen. Ein Beispiel: Der beste Reifen im Test verliert beim Aquaplaning längs als Neureifen bei rund 93 km/h den Kontakt zur Fahrbahn, mit 2 Millimeter Profil bereits bei ca. 77 km/h.

Fazit: Besser früher wechseln

Heckansicht eines Autos auf der Teststrecke in Ivalo zum Winterreifentest
Gleichzeitig Gas geben bzw. bremsen und lenken wird mit abgefahrenen Reifen auf Schnee risikoreicher© ADAC/Marc Wittkowski

Die Untersuchung zeigt: Mit sinkender Profiltiefe gehen Sicherheitsreserven verloren, und zwar deutlich vor der gesetzlichen Mindestprofiltiefe. Besonders kritisch werden die Einbußen bei Aquaplaning und in anspruchsvollen Fahrsituationen auf nasser Fahrbahn. Bereits bei 4 Millimeter Restprofil beginnen sicherheitsrelevante Leistungseinbußen. Unterhalb dieser Grenze verschlechtert sich die Performance vieler Reifen überproportional.

Auch wenn es erst unterhalb der gesetzlichen Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimetern Punkte und Bußgelder (mindestens 60 Euro und einen Punkt) gibt: Wer Winterreifen und Ganzjahresreifen so lange nutzt, fährt nicht mehr so sicher.

An der lange bestehenden ADAC Empfehlung, Winterreifen aus Gründen der Fahrsicherheit bei 4 Millimetern Restprofil zu ersetzen, hat sich also nichts geändert. Sie wird durch den aktuellen Test klar bestätigt.

Die Empfehlungen des ADAC

  • Winterreifen bei 4 Millimeter wechseln: Sicherheitsrelevante Leistungseinbußen sind bereits bei 4 Millimeter Restprofil vorhanden und verstärken sich darunter überproportional.

  • Vorsicht bei Regen: Besonders Aquaplaning wird mit sinkender Profiltiefe zum Problem. Bei Starkregen erreicht man den Grenzbereich des Reifen noch mal deutlich früher als mit höherer Profiltiefe.

  • Reifenprofil regelmäßig messen: Ein einfaches Profilmessgerät schafft Klarheit. Auch die 2-Euro-Münze kann als grobe Orientierung dienen: Der silberne Rand ist 4 Millimeter breit. Was viele nicht wissen: Auch am Reifen selbst lässt sich die Profiltiefe erkennen. Der sogenannte TWI (Tread Wear Indicator) ist ein kleiner Quersteg in der Hauptprofilrille. Ist er bündig mit dem umliegenden Profil, ist die angezeigte Verschleißgrenze erreicht, die Profiltiefe wird direkt daneben gemessen. Bei Winterreifen verwenden viele Hersteller zusätzlich zum gesetzlichen 1,6-Millimeter-Indikator einen weiteren Verschleißanzeiger bei 4 Millimeter.

  • Achtung, Ausland: Selbst innerhalb Europas gibt es unterschiedliche Vorgaben. Während in vielen Ländern 1,6 Millimeter Profiltiefe vorgeschrieben sind, verlangen einzelne Länder höhere Werte. In Österreich und Tschechien müssen Winterreifen zum Beispiel 4 Millimeter Profil aufweisen, in Finnland 3 Millimeter.

Fachliche Beratung: Felix Henning, ADAC Technik Zentrum